Ich war zugegebenermaßen skeptisch, ob der klassische Aprilscherz nach den Corona-Ausfalljahren noch einmal eine Renaissance erfahren wird. Aber jetzt bin ich mir sicher: Künstliche Intelligenz wird ihm zu neuen Höhenflügen verhelfen!
Natürlich glaube ich nicht, dass KI etwa Humor beherrschen und geniale Scherze herbeiprompten könnte. Aus der gegenteiligen Beobachtung ziehe ich meinen Optimismus für die Zukunft des gepflegten Aprilscherzes: KI kann feinsinnigen Humor eben nicht erkennen, aber die Leichtgläubigkeit der Menschen und Redaktionen in KI-unterstützte Recherchen wächst und wächst. Und so nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, dass Menschen auf Aprilscherze hereinfallen werden.
Dazu ein Beleg für meine Hypothese aus dem eigenen Anwendungsbereich: Mein “Komplize” Prof. Dr. Roland Schegg von der Hochschule HES-SO Valais/Wallis und ich haben vor drei Jahren zum 1. April 2023 das KI-Tool “CheckGPT” krass erfunden, das Gästen schon beim Einchecken im Hotel auf Basis deren bisheriger Gästebewertungen anderer Hotels automatisiert einen Wording-Vorschlag für die spätere Hotelbewertung übermitteln soll (hier geht's zur damaligen Fake-Pressemitteilung). Drei Jahre später werden wir am 6. März 2026 mit “CheckGPT” von der Funke-Mediengruppe in einem Artikel ("Hotels und Restaurants unter KI-Kontrolle – unheimlich, was zwischen Ostsee und Nordsee auf Gäste zukommt") zitiert und ob des vermeintlich mangelnden Datenschutzbewusstseins auch kritisiert. Da war doch sicherlich KI im Spiel…?
Also setze ich mit neu generiertem Optimismus auch in diesem Jahr meine kleine Tradition fort, die besten Aprilscherze mit Branchenbezug zusammenzutragen und einem absolut subjektiven Ranking zu unterziehen!
Meine Favoriten der vergangenen Jahre sind hier verlinkt: 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2023 und 2024 und 2025.
Und dies ist mein Top Ten-Ranking der besten touristischen Aprilscherze 2026 - wie immer in umgekehrter Reihenfolge:
Platz 10:
“Luftkissenboot im SEV”
(Agilis)
Das Eisenbahnunternehmen Agilis aus Regensburg kündigt nach Langsamfahrzonen für Zauneidechsen (2024) und Übernachtungen im Zug (2025) mit Passagier-Hovercrafts als „wassergebundenen Schienenersatzverkehr“ für die Linie RB 17 eine weitere Innovation für die Strecke zwischen Ingolstadt und Regensburg an. Die Luftkissenfahrzeuge böten „in der Zeit der Korridorsanierung“ je nach Verkehrssituation auf der B 16 eine konkurrenzfähige Reisezeit zum bestehenden Schienenersatzverkehr mit Bussen. 78 Passagiere könnten mit bis zu 90 km/h bei einer maximalen Wellenhöhe von bis zu zwei Metern auf der Donau befördert werden.
Sorry: Ein Bahnscherz musste sein…
Platz 9:
“Licht & Tide am Pilsumer Leuchtturm”
(Touristik GmbH Krummhörn-Greetsiel)
Der Pilsumer Leuchtturm soll eine dynamische Gezeiten-Beleuchtung und seine Farbe je nach Wasserstand im Wattenmeer automatisch ändern: Blau bei auflaufendem Wasser, Türkis bei Hochwasser, Orange bei ablaufender Tide und Warmweiß bei vollständiger Ebbe. Bodenseitig installierte, wetterfeste LED-Strahler mit RGBW-Modulen (Rot, Grün, Blau + Warmweiß) sollen eine gleichmäßige, vertikale Ausleuchtung gewährleisten, während die Steuerung über digitale Pegelsensoren im vorgelagerten Wattenmeer erfolgt. Das Wahrzeichen Krummhörns wird so zum ersten tideabhängigen Stimmungsbarometer Ostfrieslands.
Ich blinke dann doch eher für den historischen rot-gelben Ringellook!
Platz 8:
“13. Stern für die Europaflagge”
(Europäische Kommission)
Seit Jahrzehnten stehen die 12 Sterne in der Europaflagge für Einheit, Solidarität und Harmonie, doch nun soll ein neuer Stern hinzukommen. Die Europäische Kommission möchte ihr globales Engagement u.a. mit Australien, Indien oder Lateinamerika unterstreichen und das durch die Erweiterung der EU-Flagge um einen 13. Stern signalisieren als Symbol für Offenheit.
Missbräuchliche Sterneverwendung gehört glatt abgemahnt… ⭐
Platz 7:
“Fluggesellschaft Germania kehrt zurück”
(FVW Medien)
Eine einst bekannte Airline kehrt unter dem Motto "Wir fliegen wieder – weil es sonst keiner macht" zurück und mischt den innerdeutschen Flugmarkt auf. Germania, die 2019 insolvent gegangene Fluggesellschaft, kündigt völlig überraschend ihre Rückkehr an und steigt mit einem ganzen Bündel innerdeutscher Strecken, die andere Airlines längst aufgegeben haben, wieder ein: Berlin–Dresden, Nürnberg–Hamburg, Münster–Stuttgart, Kassel–Lübeck, Baden-Baden–Rostock und Paderborn–Memmingen. Verbindungen, die man, wenn überhaupt, eher aus nostalgischen Flugplänen kennt als aus der Flugrealität des Jahres 2026. Hinter der Reanimation soll ein ehemaliger Vielflieger stecken, der sich nie von der Germania-Pleite erholt habe. Ein Mann, der damals mit einem ungenutzten Zehner-Flugpass im Wert von 499 Euro zurückblieb und seitdem eine Rechnung offen habe. Er wolle beweisen, dass man innerdeutsche Flüge auch ohne 12‑Euro‑Sandwich und 48‑Euro‑Handgepäckzuschlag anbieten könne. Die neue Germania starte mit einer Flotte, die aus "liebevoll restaurierten Maschinen" bestehe. Was übersetzt bedeute, dass in einem Hangar in den USA ein paar ausrangierte Fokker-100-Jets entdeckt wurden, die sogar die passende Lackierung hatten.
Ich heb' ab….
Platz 6:
“Bindlach International”
(Stadt Bayreuth)
Vermutlich wird die neue Germania dann auch wohl den Flughafen Bayreuth-Bindlach anfliegen. Denn die Festspielstadt prüft einen umfassenden Ausbau des Flugplatzes in Bindlach in Richtung internationaler Anbindung. Der bestehende Verkehrslandeplatz soll durch eine deutliche Erweiterung der Start- und Landebahn zu einem modernen Regionalflughafen weiterentwickelt werden. Direktverbindungen nach Mallorca, London und Antalya seien in der Planung. Die Investitionskosten werden aktuell auf rund 320 Millionen Euro geschätzt, die Inbetriebnahme wäre ab 2028 denkbar.
Schon Richard Wagner sagte: „Die Welt schuldet mir, was ich brauche!“
Platz 5:
“Grüne Soße”
(T-Online)
Mit dem Gründonnerstag beginnt traditionell die Hochsaison der "Frankfurter Grünen Soße" – für viele in Hessen ein Pflichtgericht an Ostern. Doch in diesem Jahr sind im Anbaugebiet in Frankfurt-Oberrad wegen der ungewöhnlich frühen Feiertage noch nicht alle sieben Kräuter (Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer, Schnittlauch) erntereif und die Produzenten könnten deshalb nicht die geschützte Originalbezeichnung verwenden. Denn rechtlich geschützt sei nicht die fertige Soße, sondern allein die Kräutermischung dürfe "Frankfurter Grüne Soße" genannt werden. Die die Kräuter müssten laut EU-Vorgaben überwiegend aus Frankfurt oder der direkten Umgebung stammen, verarbeitet und von Hand verpackt werden. Weil aktuell auf Ware aus der Region Darmstadt zurückgegriffen werden müsse, könne derzeit auch nur “Grüne Soße” und nicht die geschützte "Frankfurter Grüne Soße" verkauft werden.
Ich krieg' die Pimpernellen!
Platz 4:
“Hotel-Hundesitter”
(Österreichische Hotelvereinigung)
Die Kolleginnen und Kollegen der Österreichischen Hotelvereinigung (ÖHV) haben sich intensiv mit neuen Geschäftsfeldern rund um das Thema „Urlaub mit Hund“ befasst und endlich auch die ÖHV-Marke aus der Konkursmasse des Österreichischen Hundesitterverbandes übernehmen können. Sie bauen nun die Hundebetreuung in der Hotellerie konzeptionell neu und strukturiert auf. Zertifizierte HundesitterInnen für die Direktbuchung im Hotel sind ebenso im Angebot wie veritable Vierbeiner als „Hundetester“, die Hotels auf echte Hundefreundlichkeit beschnüffeln. Neue ÖHV-Mitglieder erhalten zudem künftig einen stubenreinen Welpen als Willkommensgeschenk.
Auf den Hund gekommen...
Platz 3:
“Baa-Translator App”
(The Herdy Company)
Es geht tierisch weiter: Eine echte Innovation für den Landtourismus bringt der britische Kinderbedarfsausstatter Herdy an den Start. Mit der seiner neuen Herdy Baa-Translator App könne man erfahren, was Schafe wirklich denken. Einfach das Handy auf ein beliebiges Schaf richten und sofort entschlüssele die App das „Mäh-Geplauder“. Von „Teilst du das Sandwich mit mir?“ bis hin zu „Trau diesem Tor nicht!“ – nichts gehe bei der Übersetzung verloren. Der ultimative Reisebegleiter - nicht nur für den Lake District.
Ich übersetze mal: Baa = Mäh !!
Platz 2:
“Air Huts”
(Österreichischer Alpenverein)
Um die wiederkehrenden Engpässe auf den beliebtesten Schutzhütten zu entschärfen – viele Hütten seien im Sommer oft notorisch überfüllt – präsentiert der Österreichische Alpenverein die erste aufblasbare Schutzhütte der Alpen. Die neuen „Air-Huts“ mit einer Kapazität von 20-25 Personen werden im Sommer 2026 temporär an drei stark frequentierten Standorten im Pilotbetrieb getestet. Der Alpenverein verspricht sich davon eine flexible, kostengünstige und schnell einsetzbare Lösung für anhaltende Nächtigungsnotstände in den Bergen. Gleichzeitig warnt der Alpenverein davor, dass es in den Air-Huts keine WCs gäbe, das spezielle Material leider nicht urinbeständig sei, ein strenges Rauchverbot wegen Explosionsgefahr herrsche und Gasausdünstungen wegen des „Heißluftballon-Effekts“ tunlichst zu vermeiden seien.
Luftnummer!
Platz 1:
“Hands-free Massage”
(SENSASIA Spas)
Mein diesjähriger Aprilscherz-Favorit stammt aus der Golfregion, die gerade eine schreckliche, historische Zäsur erfährt. Vor dem Hintergrund ist die humorvolle Werbung von SENSASIA, einem Spa-Anbieter aus Dubai, doppelt bemerkenswert. Die “Hands-free Massage” wird mit folgenden Worten beworben: “Ihr Masseur wird Sie nicht berühren. Er wird lediglich … um Sie herumtanzen. Auf interpretative Weise. 60 Minuten voller ausdrucksstarker Bewegungen (irgendwo in der Nähe Ihrer Druckpunkte), intensiven Augenkontakts (der irgendetwas bedeutet), dem Gefühl einer Massage ohne Massage und unangenehmer Stille (gelegentlich unterbrochen von Jazz-Händen). Das ist Performance-Kunst. Das ist avantgardistisches Wellness. Das ist … eigentlich gar nichts.”
Put your hands up in the air!
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