Gast Author / 20.04 2016

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Gastblog von Christian Urschel* zu Human Resources

* Der Autor ist Lehrbeauftragter Hotelmanagement und  Stellvertretender Studienortleiter der Internationalen Berufsakademie der F+U Unternehmensgruppe gGmbH am Standort Freiburg

Fachkräftemangel. Tausende unbesetzte Lehrstellen. Ungeregelte Nachfolge. Investitionsstau. Fehlende Professionalisierung. Das sind bekannte Themen, insbesondere in der mittelständischen Individualhotellerie. Und was ist die Reaktion?


Überspitzt formuliert: man igelt sich ein. Der Hotelier arbeitet noch ein paar Stunden am Tag mehr. Der Nachfolgeprozess funktioniert nicht oder stockt. Der Unternehmenswert sinkt, Gästezahlen brechen ein  – und die Abwärtsspirale dreht sich.

Wollen Sie das? Brauchen Sie das? Was können Sie dagegen tun?

Nun, eine sinnvolle Maßnahme wäre die Schaffung attraktiver Bedingungen für den Nachwuchs. Und das bedeutet, dass man sich mit den Bedürfnissen der jungen Generation auseinandersetzen muss. Stellen Sie sich vor, ein Azubi oder ein dual Studierender ist Ihr Gast: Lesen Sie ihm seine Wünsche von den Augen ab, entwickeln Sie für ihn ein maßgeschneidertes Package und er oder sie wird Ihr loyaler Partner werden. Karriere oder Geld ist für viele junge Menschen nicht mehr das Primärziel. Viele wollen eine ernsthafte Aufgabe, einen Beitrag leisten, Reisen, Wissen und Erfahrungen teilen und sich fortbilden.

Sie sollten bedenken, dass Schulabsolventen die Transparenz des Internets für sich zu nutzen gelernt haben: Online-Karriere-Beratung informiert über Branchen und Karrierewege. Leider hat die Hotellerie hier kein sehr gutes Image. Woran das wohl liegt? Zudem nimmt sich die junge Generation Zeit bei der Karrierewahl: Viele Abiturienten machen nach ihrem Schulabschluss erst mal Pause – reisen, absolvieren Praktika und erlernen Sprachen. Das sind Fertigkeiten, die sie später beim Berufseinstieg anwenden wollen.

Folgendes Szenario: Ein Abiturient, der beispielsweise ein Jahr im Ausland verbracht hat, hierbei eine Fremdsprache erlernt und praktische Erfahrungen gesammelt hat, möchte in die Hotellerie. [Randbemerkung: Wo finden junge Menschen auf ihren Reisen im Ausland Arbeit? Na klar, in der Hotellerie/Gastronomie! Warum? Teller tragen und freundlich sein kann doch (fast) jeder.] Diesem Abiturienten stehen nun verschiedene Wege offen, wie z.B. die klassische Berufsausbildung, ein Studium in Vollzeit oder ein duales Studium. Nehmen wir nun einmal an, dass er sich aufgrund seiner Praxisaffinität gegen ein Vollzeitstudium entscheidet.

Nun bitte ich Sie, die Sache unternehmerisch zu betrachten, um meiner These zu folgen: verkaufen Sie sich oder Ihr Produkt unter Wert? Nein! Warum sollte es denn dann der Abiturient tun und einen Weg wählen, der ihn weniger schnell zu seinem Ziel, einem akademischen Abschluss mit beruflichen Perspektiven, bringt?

Also wählt er das duale Studium. Und das ist gut so. Warum? Er kann während der Praxisphasen seine operativen Kenntnisse ausbauen sowie das tägliche Geschäft und die Routinen im spannenden Hotelalltag kennenlernen. Während der Theoriephasen des Studiums wird er geistig gefordert und erlernt betriebswirtschaftliche Grundlagen, analytisch-strukturierte Fertigkeiten, aktuelles Spezialwissen z.B. in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Sprachen. Insgesamt werden ihm somit vielfältige persönliche Entwicklungsmöglichkeiten geboten. Auch der Status „Student“ ist für viele junge Menschen wichtig. Am wichtigsten ist jedoch, dass er zur Professionalisierung der Branche beiträgt!

„Ja aber dann seh’ ich den Mitarbeiter doch nur alle drei Monate“ ist ein häufig genanntes Argument gegen die Einbindung dual Studierender. Ja, richtig. Ein dual Studierender kostet sie übrigens auch mehr als ein normaler Azubi. Er wird Sie auch als Ausbilder mehr fordern. Dafür kommt er mit aktuellen Wissen, neuen Ideen und Lösungsvorschlägen zurück von der Hochschule oder Berufsakademie. Wissen, das er an einer Berufsschule in dieser Tiefe und Breite nicht erlernen wird. Es liegt an Ihnen, sich hierauf einzulassen und ihn als Partner wertzuschätzen und nicht nur als Arbeitskraft zu betrachten. Er ist Ihre Investition, die gepflegt werden will.

Darüber hinaus behaupte ich auch, dass ein Absolvent eines dualen Studiums später auf seinem Karriereweg Probleme schneller und effizienter lösen kann und auch Arbeitsbelastung nicht scheut, denn ein duales Studium ist sehr fordernd – und zwar in beiden Bereichen.

Denken Sie bitte strategisch in die Zukunft: Digitalisierung. Soziale Medien. Yield Management. Einarbeiten von ungelernten Kräften – hier bedarf es interkultureller Erfahrungen und Sprachkenntnisse. Oder gar Unternehmer werden. Was wird über diese aktuellen Themen im heutigen Lehrplan an Berufsschulen dem Azubi beigebracht? Wussten Sie, dass dual Studierende auf diese Herausforderungen vorbereitet werden?

Große Hotelketten und einige individuelle Top-Player haben es erkannt: der Wert von Schulabsolventen und damit die notwendigen Investitionen zu deren Rekrutierung ist gestiegen; die Absolventen selbst kennen ihren eigenen Wert und wollen sich nicht darunter verkaufen. Die es erkannt haben, bieten Bausteine wie strukturierte Nachwuchsförderung, eine Job-Garantie nach Abschluss des Studiums und viele kleine Add-ons im Package „Ausbildung“ an. So werden sie zu attraktiven Partnern für Berufseinsteiger.

Übrigens, duales Studium bedeutet auch, dass der akademische Partner und der Praxispartner eng zusammen arbeiten. Sei es bei der Rekrutierung passender Bewerber, Terminabstimmungen, Problemlösungen oder Abstimmungsfragen bzgl. wissenschaftlicher Hausarbeiten und Projekte.

 


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