Sternstunde

Markus Luthe / 16.08 2022

icon min Lesezeit

icon 5 Kommentare

Zurück

Blogpost von Markus Luthe zur Geschichte der Hotelsterne

Illustration Mariana Starke, Letters from Italy 1792-1798; Quelle: https://regency-explorer.net/wp-content/uploads/2020/05/00-Intro.jpg

Der Sommer ist die beste Zeit für ungetrübte Sternebeobachtung – und damit auch für einen kleinen Ausflug in die Geschichte der Hotelsterne. Konkret angeregt zu dieser kleinen Sternstunde wurde ich von einer jüngst erschienenen Recherche von James Langton zur bekanntermaßen nur vermeintlichen 7-Sterne-Klassifizierung des Burj Al Arab in Dubai. Der Artikel enthielt für mich erstmals einen Hinweis auf die englische Reiseschriftstellerin Mariana Starke (1762-1838), aber dazu später mehr.

Erst einmal führt die Zeitreise zurück in das Florenz des Jahres 1334, wo ich die nachweislich älteste dokumentierte Verwendung einer Sternekennzeichnung für Beherbergungsbetriebe gefunden habe. Zu dieser Zeit bildeten sich die Zünfte heraus und die Gewerbe grenzten sich voneinander ab. Die „Statuti dell’Arte degli Albergatori della Città e Contado di Firenze“ von 1334 legten fest, welche Zunft welches Zeichen in ihrem Schilde zu führen hatte.

Den Beherbergungsbetrieben wurde ein zinnoberfarbener, achtzackiger Stern vorgeschrieben. Und wer den Stern buchstäblich nicht in seinem Schilde führte, der gehörte eben nicht zur Branche: „Quod nulles possit tenere insignam albergariae nisi fuerit de hac arte.“

Ein Bild, das Text, Königin enthält. Automatisch generierte Beschreibung
Die Sterne waren ein erstes Qualitätskennzeichen, das schon damals den Reisenden Orientierung geben sollte - auch wenn die konkreten Kriterien aus heutiger Sicht eher ein Schmunzeln aufs Antlitz zaubern. Denn die Zunftstatuten regelten zum Beispiel, dass die Wirte ihren Gästen nicht in der Straße entgegengehen, sie nicht an den Kleidern oder an den Zügeln ihrer Pferde festhalten, sondern sie nur vor der Herberge an der Tür stehend zur Einkehr einladen sollten. Dirnen, Kuppler, Diebe oder Räuber durften nicht aufgenommen werden... Der achtzackige Stern signalisierte dem Reisenden also ein Dach über dem Kopf, ein Minimum an Unterbringungskomfort, Haftung für eingebrachte Vermögensgegenstände, die Schiedsgerichtsbarkeit der Beherbergungszunft und natürlich die Steuerehrlichkeit des Betreibers.

Dann verschwanden die Hotelsterne im Laufe der Jahrhunderte aus dem öffentlichen Bewusstsein und wurden erst mit dem Aufkommen des modernen Tourismus am Anfang/Mitte des 19. Jahrhundert wieder populär.

Bislang ging ich davon aus, dass der Deutsche Karl Baedeker (1801 – 1859) das Revival der Hotelsterne in der Neuzeit einleitete, als er ab 1844 begann in seinen berühmten roten Reisehandbüchern „die Gasthöfe und Restaurants, welche der Verfasser, sei es aus eigener Erfahrung, sei es auf Grund der zahlreichen, von Reisenden aller Nationen ihm eingesandten Hôtelrechnungen, für empfehlenswerth hält, mit einem * zu bezeichnen“.

Baedecker London 1887 - IIaus: Handbuch für Reisende in Deutschland und dem österreichischen Kaiserstaate, erfahren und erwandert von Karl Baedeker, 3. Aufl., Coblenz 1846

Die Reiseführer des legendären „Erbsenzählers“ – und das ist von mir alles andere als despektierlich gemeint – zeichnete eine bis dato nicht gekannte Genauigkeit, Übersichtlichkeit und Aktualität aus. Jules Verne erwähnte den Reisenden Baedeker gleich mehrfach in seinen Romanen und in Jacques Offenbachs Operette „La Vie Parisienne” heißt es sogar: „Kings and governments may err, but never Mister Baedeker.”

Aber geirrt habe wohl ich mich, als ich Karl Baedeker die alleinige Urheberschaft an den modernen Hotelsternen zuschrieb. Denn Baedeker verwendete zwar als erster in der Neuzeit Sterne zum Hervorheben von Beherbergungsbetrieben, doch die Engländerin Mariana Starke hatte schon 1820 in ihrem Reisebuch „Travels on the Continent: Written for the use and particular information of Travellers“ damit begonnen, Sehenswürdigkeiten, aber auch Hotels und Gasthöfe, zu empfehlen und zu kennzeichnen. Sie verwendete dafür in der Regel Ausrufezeichen von ! bis !!!!! und darf damit zurecht als Pionierin der Hotelklassifizierung gelten.

 

----------------------------------------------------------

Hour of the star

A blogpost by Markus Luthe on the history of hotelstars

Summer is the best time for unadulterated stargazing – and thus also for a little excursion into the history of hotel stars. I was specifically inspired to do this little star lesson by a recently published research by James Langton on the Burj Al Arab in Dubai, which is known to have only an alleged 7-star classification. For the first time, the article contained a reference to the English travel writer Mariana Starke (1762-1838), but more on that later.

First of all, the journey back in time takes me back to Florence in 1334, where I found the oldest documented use of a star marking for accommodation establishments. At that time, the guilds were formed and the trades distinguished themselves from each other. The "Statuti dell’Arte degli Albergatori della Città e Contado di Firenze" of 1334 stipulated which guild had to bear which sign in its shield.

A vermilion-coloured, eight-pointed star was prescribed for lodging establishments. And anyone who literally did not carry the star in their shield was not part of the trade: "Quod nulles possit tenere insignam albergariae nisi fuerit de hac arte."

Ein Bild, das Text, Königin enthält. Automatisch generierte Beschreibung

The stars were a first sign of quality that was supposed to give travellers orientation even back then – even if the concrete criteria rather put a smile on the face from today's perspective. The guild statutes stipulated, for example, that innkeepers should not meet their guests in the street or hold them by their clothes or the reins of their horses, but only invite them to stop at the door in front of the inn. Harlots, bawds, thieves or robbers were not to be admitted... The eight-pointed star thus signalled to the traveller a roof over his head, a minimum of accommodation comfort, liability for property brought in, the arbitration jurisdiction of the lodging guild and, of course, the tax honesty of the operator.

Then, over the centuries, the hotel stars disappeared from public consciousness and only became popular again with the advent of modern tourism at the beginning/middle of the 19th century.

Until now, I assumed that the German Karl Baedeker (1801 - 1859) initiated the revival of hotel stars in modern times when, from 1844 onwards, he began in his famous red travel handbooks "to mark with an * those inns and restaurants which the author considers recommendable, either from his own experience or on the basis of the numerous hotel bills sent to him by travellers of all nations".

Baedecker London 1887 - IIfrom: Manual for Travellers in Germany and the Austrian Imperial State, experienced and hiked by Karl Baedeker, 3rd edition, Coblenz 1846

The travel guides of the legendary "bean counter" – and I do not mean this in a disrespectful way – were characterised by a previously unknown accuracy, clarity and topicality. Jules Verne mentioned the traveller Baedeker several times in his novels and Jacques Offenbach's operetta "La Vie Parisienne" even says: "Kings and governments may err, but never Mister Baedeker."

But I was obviously wrong when I attributed the sole authorship of modern hotel stars to Karl Baedeker. Although Baedeker was the first in modern times to use stars to highlight accommodation establishments, the Englishwoman Mariana Starke had already begun to recommend and mark places of interest, as well as hotels and inns, in her travel book "Travels on the Continent: Written for the use and particular information of Travellers" in 1820. As a rule, she used exclamation marks from ! to !!!!! and can thus rightly be considered a forerunner of hotel classification.

 


5 Kommentare
Geschrieben von
Markus Luthe
Dipl.-Volkswirt / Hauptgeschäftsführer
Hotelverband Deutschland (IHA)

office@hotellerie.de
5 Bemerkungen :

17/08/2022 15:59 von Dirk Beljaarts / Koninklijke Horeca Nederland

Great read & research, dear colleague, thank you!

18/08/2022 10:31 von Michael Altewischer

Danke für diesen Blogbeitrag. Kulturgeschichte kann so amüsant sein !!!!!!!!!!!!!!!!

18/08/2022 11:32 von Thomas Keitel / DEHOGA Ostwestfalen

Schön, dass für so was auch mal Zeit ist. Bei der Lektüre wird man nicht dümmer. Amüsanter Beitrag!

19/08/2022 09:01 von Elke L / Tourist

Thank you for this great insight into the history of the stars. In the Middle Ages definitely helpful against highwaymen and just a hay mattress on the floor in a common bedroom. Today, my heart is lifting when stars are twinkling the promise: Here be clean rooms, a tea/coffee maker for a good start to the day! ... and a room safe against the highwaymen of the modern age.

19/08/2022 23:35 von Heike Fink

Wie interessant! Danke für die Recherche und den flott geschriebenen Beitrag.

Kommentar hinzufügen

×
Name ist erforderlich!
Geben Sie einen gültigen Namen ein
Gültige E-Mail ist erforderlich!
Gib eine gültige E-Mail Adresse ein
Kommentar ist erforderlich!

* Diese Felder sind erforderlich.

Weitere
19.01.2024 von Markus Luthe
Gesslerhut digital

Wäre diese Meldung am 1. April veröffentlicht worden, hätte ich sie direkt in meine jährliche April Fools Top Ten aufgenommen: Deutschland zweitgrößte Mehrzweckhalle an der Berliner East Side Gallery, die Heimat der Eisbären und der Albatrosse, wird schon bald nicht mehr „Mercedes-Benz Arena“, sondern „Uber Arena“ heißen. Der Platz vor der Arena wird von „Mercedes Platz“ auf „Uber Platz“ umgetauft und die angrenzende „Verti-Music Hall“ wird zur „Uber-Eats-Music-Hall". So einen Fast-Speed-Happen muss man erstmal verdauen…

01.01.2024 von Markus Luthe
Ausblick

Jahresanfang – Zeit für einen Ausblick auf das, was das neue Jahr mit sich bringt. Vor 12 Monaten habe ich an dieser Stelle erstmals auf künstliche Intelligenz gesetzt und meinen Blogpost "Annus horribilis" ChatGPT anvertraut. Nun, rückblickend betrachtet hat sicher nicht nur die KI noch Luft nach oben… Was wird in diesem Jahr wichtig werden? Auch wenn es nahe liegen könnte, nun den Neujahrsbogen vom Mehrwertsteuerschock über die Fußball-EM bis zum andauernden Krieg in unserer Nachbarschaft zu spannen, möchte ich die Aufmerksamkeit auf ein anderes Ereignis lenken, dass für unsere gesellschaftliche, wirtschaftliche und damit auch touristische Zukunft von enorm unterschätzter Bedeutung sein wird: Die Europawahlen am 9. Juni 2024!

07.11.2023 von Markus Luthe
Löchrig

Wann haben Sie eigentlich zum ersten Mal entdeckt, ob Ihr Handy 5G-tauglich ist? Bei mir war es vor ein paar Jahren bei einem Besuch in Estland, als zum ersten Mal „5G“ auf meinem Handy-Display aufleuchtete. Hier in Deutschland hatte ich erst letztes Jahr Premiere. Immerhin ist so jetzt wenigstens auch das Mobilfunkloch in meinem Büro im Berliner Verbändehaus in 400 Meter Entfernung vom Reichstag gestopft worden: Ich bin jetzt mit 2 von 5 Feldstärke-Balken im 5G-Zeitalter angekommen… Yeah?