Eher Turbo denn Torpedo

Markus Luthe / 28.06 2024

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Blogpost von Markus Luthe zu den Schlussanträgen des Generalanwalts beim EuGH zu Bestpreisklauseln von Booking.com vom 28. Juni 2024

Rechtbank Amsterdam am 22.02.2023; © M. Luthe / IHA

Am 6. Juni 2024 hat Generalanwalt beim Europäischen Gerichtshof Anthony Collins seine Schlussanträge in der Rechtssache Booking.com (C 264/23) veröffentlicht. Es geht im zugrundeliegenden Fall vor dem Bezirksgericht Amsterdam um Schadensersatzforderungen, die deutsche Hotels mit Unterstützung des Hotelverbandes Deutschland (IHA) von Booking.com für die jahrelange Verwendung kartellrechtswidriger Bestpreisklauseln fordern. Die Stellungnahme von Generalanwalt Collins hat - zurecht - viel Aufmerksamkeit erregt, und eine Vielzahl von Kommentaren und Zusammenfassungen wurden seitdem veröffentlicht.

Den Beitrag „Dutch Torpedo at Work“ von Silke Heinz nehme ich zum Anlass, einige einordnende Anmerkungen aus der Perspektive eines Prozessbeteiligten zu machen und einige Aspekte hervorzuheben, die meines Erachtens eine genauere Betrachtung verdienen:

  1. Beim Sachverhalt muss eine Nuancierung vorgenommen werden: Die Erwägungsgründe 10/11 von Generalanwalt Collins sind insofern nicht ganz korrekt, als sie suggerieren, dass die Hotels zuerst vor Gericht gezogen seien und Booking.com dann sein niederländisches Torpedo als Reaktion gestartet habe. In Anbetracht von Art. 31 (1) der Verordnung (EU) Nr. 1215/2012 (Lis Pendens) kann dies ohnehin nicht stimmen. Tatsächlich war es Booking.com, das – während laufender Vergleichsgespräche – überraschend die negative Feststellungsklage gegen eine Auswahl der Hotels in den Niederlanden angestrengt hat. Erst danach entschlossen sich die übrigen Hotels, im März 2021 ihrerseits vor dem Landgericht Berlin zu klagen.
     
  2. Es handelt sich um eine Follow-On Klage auf Schadensersatz, die sich auf das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 18. Mai 2021 stützt, in dem festgestellt wurde, dass die Paritätsklauseln von Booking.com gegen das EU-Wettbewerbsrecht verstoßen, und zwar weil sie a) nicht als „notwendige Nebenabreden" angesehen werden können und b) weder nach der Vertikal-Gruppenfreistellungsverordnung (VGVO) noch unmittelbar nach Artikel 101 Absatz 3 AEUV freigestellt sind. Daher wirft Generalanwalt Collins auch zurecht die Frage auf, ob die Feststellungen des deutschen Bundesgerichtshofs für das Bezirksgericht Amsterdam nicht bindend sein sollten. Generalanwalt Collins verneint dies jedoch. Er vertritt die Auffassung, dass die Feststellungen des deutschen Bundesgerichtshofs für das Amsterdamer Gericht nicht rechtsverbindlich seien, sondern lediglich als Anscheinsbeweis zu würdigen sind. Allerdings stützt er seine Auffassung ausschließlich auf die Kartellschadensersatzrichtlinie (2014/104) und geht nicht darauf ein, ob sich – wie von den Hotels in der mündlichen Verhandlung am 29. Februar 2024 zu Recht vorgetragen – die Bindungswirkung nicht aus Art. 22 Abs. 1 der Verordnung (EU) 864/2007 und/oder aus dem Repsol-Urteil des EuGH vom 20. April 2023 (Rechtssache C-25/21) ergeben müsste. In seinem Repsol-Urteil hatte der EuGH festgestellt, dass Art. 9(1) der Kartellschadensersatzrichtlinie materiellrechtlicher Natur ist. Dies bedeutet wiederum, dass § 33b GWB auch vom Bezirksgericht Amsterdam anzuwenden war und ist, der eine zwingende Bindung rechtskräftiger kartellbehördlicher Entscheidungen vorsieht.
     
  3. Generalanwalt Collins vertritt in seinen Schlussanträgen die Auffassung, dass Paritätsklauseln – bis zu einem gewissen Grad – nach der VGVO freistellbar sein sollten. Erstaunlich ist jedoch, dass er in dieser Hinsicht nicht auf der Grundlage des EU-Primärrechts argumentiert, sondern sich lediglich auf den Wortlaut der VGVO selbst und auf die „Vertikalleitlinien“ der EU-Kommission stützt, die (allenfalls) „Soft Law“ darstellen. Leider hat Generalanwalt Collins es unterlassen, die Frage zu beantworten, die die Hotels während des gesamten Verfahrens immer wieder gestellt hatten: Kann Sekundärrecht in Form der VGVO das EU-Primärrecht einschränken oder gar aufheben? Ist es wirklich möglich, dass die VGVO bestimmte Verhaltensweisen freistellt, die nicht die Voraussetzungen einer Einzelfreistellung nach Art. 101 (3) AEUV erfüllen? Es überrascht schon, dass GA Collins diese zentrale Frage nicht beleuchtet hat, insbesondere angesichts des Towercast-Urteils des EuGH vom 16. März 2023 (C 449/21, Rn. 42 ff.), in dem der EuGH ganz klar gesagt hat, dass das Primärrecht immer Vorrang hat. Es würde mich nicht überraschen, wenn der EuGH in diesem Punkt letztlich eine andere Auffassung vertritt als Generalanwalt Collins.
     
  4. Generalanwalt Collins gibt in seinen Schlussanträgen gewisse Hinweise zur Marktdefinition für Hotelbuchungsportale. Es stellt sich jedoch die Frage, auf welcher Rechtsgrundlage? Ich meine, es kann grundsätzlich nicht Aufgabe des EuGH sein, nationale Gerichte gleichsam als Amicus Curiae unterstützen zu wollen, wenn es um die Anwendung von EU-Recht auf einen bestimmten Fall geht. Vielmehr ist der EuGH einzig und allein dafür zuständig zu beurteilen, ob ein bestimmter (geplanter) Rechtsakt mit dem EU-Recht vereinbar ist. Das Amsterdamer Bezirksgericht hätte sich also zunächst überlegen müssen, wie es die relevanten Märkte abgrenzen will, und erst dann hätte es dem EuGH die Frage vorlegen können, ob eine solche (spezifische) Marktdefinition zu Konflikten mit dem EU-Recht führen könnte. In jedem Fall hätte man allenfalls erwartet, dass Generalanwalt Collins in seiner Stellungnahme sehr allgemeine Hinweise zum Zusammenspiel zwischen der Marktdefinition und der effizienten Anwendung der Art. 101 und 102 AEUV geben würde. Es ist daher überraschend, dass er sehr detaillierte und spezifische Hinweise zur angemessenen Marktdefinition im vorliegenden Fall gibt.

Dem bereits gegen Jahresende zu erwartenden Urteil des EuGH darf weiterhin mit gespannter Erwartungshaltung entgegengesehen werden…

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On 6 June 2024, General Advocate (GA) at the European Court of Justice (ECJ) Anthony Collins published his opinion in the Booking.com case (C 264/23). The underlying case before the District Court of Amsterdam concerns claims for damage compensation that German hotels, with the support of the German Hotel Association (IHA), are demanding from Booking.com for the long-standing use of best price clauses in violation of antitrust law. Advocate General Collins' opinion has - rightly - attracted a lot of attention and a number of commentaries and summaries have since been published.

I take Silke Heinz's article "Dutch Torpedo at Work" as an opportunity to make some categorising comments from the perspective of a party to the proceedings and to highlight some aspects that I believe deserve closer consideration:

  1. A nuance on the facts: recitals 10/11 of AG Collins’ opinion are not entirely correct in that they suggest that the hotels went to court first and then Booking.com launched its Dutch Torpedo as a reaction. Bearing in mind art. 31 (1) of regulation EU 1215/2012 (pending) this couldn’t be right anyways. Indeed, it was Booking.com that – pending settlement talks – surprisingly launched the Dutch action for negative declaratory relief against a selection of the hotels. It was only then when the remainder of the hotels decided to bring an action before the Regional Court of Berlin in March 2021.
     
  2. It is important to note that this is a follow-on damages action which is based on the verdict of the German Federal Supreme Court of 18 May 2021 finding Booking.com’s parity clauses to be in violation of EU competition law, namely because a) they do not qualify as ancillary restraints, and b) because they are not exempted neither under the Vertical Block Exemption Regulation (VBER) nor under art. 101 (3) TFEU directly. Therefore, AG Collins raises the question as to whether the findings by the German Federal Supreme Court shouldn’t be binding for the Amsterdam District Court. AG Collins then answers this question in the negative. He holds that the findings by the German Federal Supreme Court are not legally binding for the Amsterdam Court, but merely constitute prima facie evidence. However, he bases his opinion exclusively on the cartel damages directive (2014/104) and he does not consider – as rightfully argued by the hotels during the oral hearing on 29 February 2024 – whether the binding effect shouldn’t result from art. 22 (1) of regulation (EU) 864/2007 and/or from the ECJ’s Repsol judgment of 20 April 2023 (case C-25/21) in which the ECJ held that art. 9(1) of the cartel damage directive was of a substantive law nature. This in turn means that Section 33b GWB (German Act against Restraints of Competition), which provides for the mandatory binding nature of legally binding decisions by antitrust authorities, was and is also to be applied by the District Court of Amsterdam.
     
  3. In his opinion GA Collins finds that parity clauses should – to some extent – be exemptible under the VBER. What is surprising, however, is that GA Collins does not argue on the basis of EU primary law in this respect, but bases his opinion merely on the wording of the VBER itself and on the EU Commission’s “vertical guidelines” which are (at most) soft law. Unfortunately, GA Collins has refrained from answering the question that the hotels had repeatedly put forward throughout the procedure: can secondary law in the form of the VBER restrict/supersede EU primary law? Is it really possible that the VBER exempts certain conducts which do not fulfill the preconditions of an individual exemption under art. 101 (3) TFEU? It is somewhat surprising that GA Collins did not shed light on this key question, in particular in view of the ECJ’s Towercast judgment of 16 March 2023 (C‑449/21, para. 42 et sec), in which the ECJ quite clearly said that primary law always prevails. I would not be surprised if the ECJ took a different view than AG Collins on this point.
     
  4. AG Collins provides certain guidance regarding the market definition for hotel booking portals. The question is, however, on what legal basis does he provide such guidance? I mean, it is not the ECJ’s task to assist national courts as amicus curiae when it comes to the application of EU law to a given case. Rather, the ECJ is solely and exclusively competent for assessing whether a specific (envisaged) legal act is in compliance with EU law. Hence, the Amsterdam District Court should have made up its mind as to how it plans to define the relevant markets in the first place, and only then it could have legitimately submitted the question to the ECJ as to whether such (specific) market definition could cause frictions with EU law. In any event, one would have expected at most that AG Collins would provide in his opinion very general guidance on the interplay between the market definition exercise and the efficient application of arts. 101 and 102 TFEU. It thus comes as a surprise that he provides very detailed and specific guidance as regards the appropriate market definition in the case at hand.

The judgement of the ECJ, which is expected already towards the end of the year, can still be awaited with eager anticipation...


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Geschrieben von
Markus Luthe
Dipl.-Volkswirt / Hauptgeschäftsführer
Hotelverband Deutschland (IHA)

luthe@hotellerie.de
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