Der Affiliate als Affront?

Hotelführer

Markus Luthe / 23.04 2012

icon min Lesezeit

icon 0 Kommentare

Zurück

 

Blog von Markus Luthe zur Online-Distribution vom 24. April 2012

Klarer kann eine Kampfansage kaum sein als die von John Guscic, Geschäftsführer der australischen Online-Buchungsplattform : „The supplier does not have a monopoly on price. We price our hotels as we see fit. We sell at a price I determine.“

 

Die Headline der TravelTrends zu diesen markigen Sprüchen lautet dementsprechend: „Webjet says it will dictate hotel pricing, not suppliers.“ Deutlicher kann man der Hotellerie die eigene Schwäche im Vertrieb wohl kaum vor Augen führen.


Quelle: www.traveltrends.biz/ttn555-webjet-says-it-will-dictate-hotel-pricing-not-suppliers/

Wenn Sie jetzt denken, was interessiert mich irgendeine Zimmer-Resterampe Down Under, dann geben Sie bei Webjets doch einmal Ihren Städtenamen ein... Im World Wide Web liegt die Konkurrenz halt nur einen winzigen Klick entfernt. Es geht mitnichten um einen einzelnen, im weltweiten Netz wildlaufenenden entfernten Anbieter. Das Affiliate-System der großen Hotelbuchungsportale selbst stellt die eigentliche Herausforderung dar.

 

Alle großen Online Travel Agents (OTA) bieten solche Affiliate-Programme an. Sie ermöglichen Destinationen, Touristikunternehmen, Transportgesellschaften, Bewertungsanbietern, Reise-Communities u.v.m. ein Hotelbuchungstool im Look & Feel ihrer eigenen Website anzubieten. Manche reichern auch eigene Hotelraten und Verfügbarkeiten mit dem Affiliate-Angebot an. Bis zur Hälfte der von den Hotels vereinnahmten Provisionen treten die Buchungsportale dafür an ihre Affiliates ab. Deren Zahl ist ebenso unüberschaubar wie deren Geschäftsmodelle heterogen sein dürften. Allein HRS verfügt über 6.000 Affiliates und Booking.com über 5.000 solcher Vertriebspartner.

 

Als Konsequenz hieraus hat das Hotel kaum noch Kenntnis von, geschweige denn Kontrolle über seine Online-Distributionskanäle. Stellte ein Hotel beispielsweise fest, dass Online-Anbieter Z aggressiv Google AdWords auf seinen Hotelnamen schaltet und diesen auch noch SEO-optimiert mit exotischen Top Level Domains garniert, kann es dennoch kaum verhindern, über dieses Portal unerwünschterweise buchbar zu bleiben. Denn selbst wenn es dem Hotel gelingen sollte, dass sein OTA-Vertragspartner A das Hotel bei Z ausspeist, greift halt der nächste Affiliate-Vertrag von Z mit OTA-Partner B und das Hotel bleibt den unlauteren Werbemethoden des Z dennoch ausgesetzt. Ein Hotel kann nicht aus diesem Grund Abstinenz gegenüber allen Online-Buchungsportalen üben.

 

Aber in der Regel scheitert diese Marktbereinigung schon daran, dass das Hotel nicht einmal Kenntnis von den so agierenden Affiliates erlangt, geschweige denn genügend Einfluss auf seinen Vertragspartner zur selektiven Ausspeisung nehmen kann. Aus diesem Grund werden wir uns bei der in dieser Woche anstehenden Generalversammlung unseres europäischen Dachverbandes HOTREC dafür einsetzen, dass die bisherigen „20 Eckpunkte fairen Verhaltens von Hotel-Buchungsportalen“ um diesen Aspekt ergänzt werden: Das Hotel sollte von seinen Vertragspartnern über alle Vertriebskanäle und potenzielle Affiliates in Kenntnis gesetzt werden und dem Hotel sollte entweder zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses oder im Nachhinein die Möglichkeit gegeben werden, Anpassungen vorzunehmen.

 

Dieser Affront im Markt stammt allerdings nicht nur aus Sphäre der Affiliates. Die Problemlage ist vielschichtiger. Denn immer wieder kommt es vor, dass Reiseveranstalter-Raten ohne Bündelung zu einer Gesamtreiseleistung als „Rooms only“-Preise frei im Internet verfügbar sind. Über die entsprechenden Schnittstellen führen sie dann via Metasuchmaschinen die Ratenstruktur im Netz betriebswirtschaftlich ad absurdum. Auch hier müssen Hoteliers darauf achten, sich zumindest die gleichen vertraglichen Interventionsrechte wie bei den Affiliates zu sichern.

 

In unseren aktualisierten AGBs für die Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern schlagen wir daher folgende Klausel vor:


0 Kommentare
Geschrieben von
Markus Luthe
Dipl.-Volkswirt / Hauptgeschäftsführer
Hotelverband Deutschland (IHA)

office@hotellerie.de
Sei der erste der kommentiert

Kommentar hinzufügen

×
Name ist erforderlich!
Geben Sie einen gültigen Namen ein
Gültige E-Mail ist erforderlich!
Gib eine gültige E-Mail Adresse ein
Kommentar ist erforderlich!

* Diese Felder sind erforderlich.

Weitere
23.02 2021 von Markus Luthe
Blocking.com
American Football

Während die Hotellerie weiter händeringend auf die Auszahlung der Novemberhilfen für die Auszahlung der Februarlöhne wartet und von bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag reichenden Stufenplänen für den Re-Start schockiert wird, bauen die Hotelportale unterhalb des Branchenradars ihre dominierende Marktposition munter aus, allen voran Booking.com. ...

15.02 2021 von Markus Luthe
Schafft Wissen!
Covid-19-Test

Die Bundesregierung und die Ministerpräsident*innen legen Wert auf die Feststellung, unser Land evidenzbasiert und wissenschaftlich fundiert durch die Corona-Krise und den Lockdown zu führen. Dieses Narrativ wird gerne auch durch Einladungen namhafter Wissenschaftler zu Beginn der jeweiligen Entscheidungsgipfel gepflegt. Umso buchstäblich fragwürdiger ist das dann anschließend verkündete Öffnungsszenario, bei dem Restaurants und Hotels erst ganz, ganz hinten im noch nicht einmal ausgearbeiteten Zeitplan einsortiert werden. Auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten können sich die Entscheidungsträger*innen dabei jedenfalls nicht berufen. ...

28.11 2020 von Markus Luthe
Nullnummer

Die Printausgabe der Welt am Sonntag (WamS) wartet heute mit der Schlagzeile „10.000.000.000 Euro zu viel“ auf und wird damit bei ansonsten noch dürrer Nachrichtenlage am 1. Advent von vielen Medien unreflektiert zitiert. Gestützt auf eine bislang unveröffentlichte Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) werden vermeintliche Spendierhosen des Bundes kritisiert, der sich im neuerlichen Lockdown großzügiger als nötig geben würde. Vor allem Gastronomie und Veranstaltungsgewerbe hätten dank der Entschädigung oft mehr, als wenn sie geöffnet hätten. ...