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Heißes Eisen oder Flugasche von gestern?

Blog von Markus Luthe zu den Folgen des Flugverbotes vom 27. April 2010

auf Anregung von Gerhard Werner Schlicke, Hotel Regina in Sankt Augustin!

Vulkan Eyjafjallajökull am 2.4.2010; © Henrik Thorburn
Vulkan Eyjafjallajökull am 2.4.2010; © Henrik Thorburn

Der Ausbruch des isländischen Vulkans mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull hat dem Tourismus in Europa mit der sechstägigen Sperrung des Luftraums eine Erfahrung beschert, auf die alle Beteiligten gerne verzichtet hätten. 95.000 Flüge wurden gestrichen, mehr als 130.000 Pauschalreisende und Hunderttausende Individualtouristen und Geschäftsreisende aus Deutschland saßen fest. Auch in der deutschen Hotellerie wurden Tausende von Tagungen und Zigtausende von Hotelzimmern storniert, umgebucht oder neu reserviert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Rezeptionen und in den Callcentern der Hotellerie haben in den Tagen der Flugausfälle in Serie Außerordentliches geleistet und gestrandeten Gästen mit großem Engagement weitergeholfen! 

Nun stehen die Aufräumarbeiten an. Während die Politik der gesamten Reisebranche für das Krisenmanagement und den vorbildlichen Einsatz dankt, fordert unter anderem der internationale Luftfahrtsverband IATA  Finanzhilfen für betroffene Airlines. Auch für die deutsche Hotellerie stellt sich die Frage, ob die spontane Zusatznachfrage nach Hotelzimmern in Flughafennähe und Großstadthotels in der Summe die Ausfälle der Tagungshotellerie und der Ferienhotellerie kompensieren konnte und ob die Buchungsausfälle einzelner Häuser zu individuellen Schieflagen geführt haben? Wir laden Sie daher ein, die Kommentarfunktion dieses IHA-Blogs öffentlich zu nutzen oder uns vertraulich per Mail die konkreten Auswirkungen der Aschewolke für Ihr Haus mitzuteilen und uns so zu helfen, einen genaueren Überblick zu gewinnen!

 

Das Online-Buchungsportal Hotel.de hat zu diesem Themenkomplex in der letzten Woche eine Blitzumfrage unter deutschen Flughafenhotels durchgeführt und kam zu dem Ergebnis: 

„Die Wirkung kurzfristiger Buchungen auf das Hotelgeschäft von unfreiwillig (länger) bleibenden Hotelgästen darf aber nicht überschätzt werden. Nicht alle der befragten Hotels konnten ihre Buchungssituation so ausgleichen. Einige der Hotels klagten über teils massive, kurzfristig nicht kompensierbare Stornierungen aufgrund der Flugausfälle. Wenn das schon für Airport-Hotels gilt, dann umso mehr für weiter vom Flughafen entfernte Hotels mit internationaler Klientel.“

Und zur Frage der Stornopraxis und der Zimmerpreisentwicklung verlautbarte Hotel.de

„Auch wenn derzeit eine anders lautende Meldung durch die Gazetten geistert, legten die befragten Hotels nahe der Flughäfen Berlin, München, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf und Stuttgart unisono eine kundenfreundliche Stornierungspolitik an den Tag: In den allermeisten Fällen verzichteten die Hotels komplett darauf, Stornierungsgebühren zu erheben. Lediglich wurden solche Kunden zur Kasse gebeten, die sich überhaupt nicht beim Hotel meldeten und so dem Hotel die Möglichkeit nahmen, eine kurzfristige Buchung eines gestrandeten Kunden anzunehmen. Auch in Sachen Zimmerpreise verhielten sich die befragten Hotels human. Nur ein Umfrageteilnehmer berichtete von höheren Übernachtungspreisen.“ 

Umso unverständlicher die Vorgehensweise eines direkten Konkurrenten: Denn zu einer Bestandsaufnahme der Vorgänge rund um die Sperrung des europäischen Luftraums gehört auch die Randnotiz, dass ein anderes Hotelbuchungsportal in diesem Zeitraum unlauter empfundenen Druck auf seine Partnerhotels ausgeübt und versucht haben soll, einseitig die vertraglich fixierten Rücktrittsbedingungen und damit die Geschäftsgrundlage auszuhebeln. Mögen die Verantwortlichen Asche auf ihr Haupt streuen!

 

 

Tägliche Zimmerauslastung vom 11. bis 18. April 2010 für ausgewählte europäische Flughafenlagen

Quelle: STR Global
Quelle: STR Global

Eine Sonderauswertung des Hotelbenchmarks von STR Global für ausgewählte Flughafenlagen im Zeitraum vom 11. bis 18. April 2010 belegt eine starke Zunahme der Zimmerauslastung. In Deutschland wurde dieser Effekt an den Standorten München (dreijährliche „Bauma“), Frankfurt (zweijährliche „Light+Building“) oder Hannover (zweijährliche „Hannover Messe“) noch durch bedeutende internationale Messen verstärkt.

 

Ich freue mich auf Ihr Feedback aus Ihrer betrieblichen Praxis: Heißes Eisen oder Flugasche von gestern?


Markus Luthe
Ihr
Markus Luthe

Kommentare zu diesem Blog

Datum: 27.04.2010 13:26:37 Uhr
Name: Joachim Stech
Kommentar:

Wir hatten massive Stornierungen ausländischer Reisegruppen, die zur Messe BAUMA nicht anreisen konnten. Es war kaum möglich die Zimmer anderweitig zu vermieten, da die Absagen extrem kurzfristig kamen (jeweils am Vormittag des Anreisetages). Moderate Storno-Zahlungen lassen sich so nicht vermeiden. Finanzieller Schaden ist also im Hotel, aber auch bei Reisenden, Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften, Messegesellschaften und Ausstellern entstanden. Eine frühzeitige Information durch die Behörden wäre notwendig und machbar gewesen!


Datum: 27.04.2010 14:56:06 Uhr
Name: Gerhard Werner Schlicke
Kommentar:

Es bleibt ein Heißes Eisen. Zunächst aber einen herzlichen Dank an den Verband, der in der Kürze der Zeit einen ausgesprochen interessanten und informativen Blog auf eine eher rudimentäre Anregung von mir ins Netz gestellt hat. Das war eine tolle Leistung. Der Background dieses Themas bleibt aber ein heißes Eisen, auch wenn wir ob der griechischen Tragödie und der NRW-Wahlen schon wieder im Tagesgeschäft sind.

Die Politik hat erneut deutlich gemacht, dass schnelles und effektives Krisenmanagement derzeit parteiübergreifend nicht zu deren hervorstechendsten Tugenden zählt. Zuviel Kraft wird mit Zuständigkeiten der Ressortchefs und öffentlichen Schuldzuweisungen vertan, statt sie in ressortübergreifende, tragbare nationale und internationale Handlungsansätze umzusetzen. Die Reisenden, insbesondere die, welche mehrere Tage vor dem Check in Schalter am Flughafen geschlafen haben oder im Urlaubland festsaßen, interessieren die Berliner Grabenkämpfe herzlich wenig und die Hotellerie ist wie man wieder sah die Leidtragende, weil sie direkt und unmittelbar an der Wirtschaft und den Unwägbarkeiten des internationalen Reiseverkehrs, erst recht aber an den Auswirkungen von Naturkatastrophen hängt.

Ich spreche nicht dem britischem Populismus das Wort, Kriegsschiffe zum „Heimholen“ der Gestrandeten medial wirksam einzusetzen, aber was wir erlebt haben, das war deutscher und europäischer Kleinmut und Handlungsagonie statt Krisenmanagement. Was bleibt ist der deutliche Verlust durch Stornierungen ohne No-Show und weitere Verluste durch erzwungene Änderungen der Ziele seitens der Reiseunternehmen und Gäste. Wir hatten die Absagen von 2 Reisegruppen aus China und Italien, sowie Stornierungen von Geschäftsreisenden zu verkraften. Kollegen aus dem Umland und Bonn berichteten aber von einem temporären Rückgang von bis zu 30% im Buchungsaufkommen. Für ein kleineres Hotel, dessen Gewinnmargen ohnehin marginal sind, können solche Schläge, so sie denn länger anhalten, schnell existenzbedrohend werden und deshalb erwarte ich von der Politik, dass abgestimmt in der EU nationale Instrumente für Krisen und Naturkatastrophen dieser Art vorbereitet werden. Beispiele dafür gibt es, nur eben nicht im Reiseverkehr und ebenso wenig in der internationalen Transportlogistik.

Die alte Weisheit: - der Gast sucht und bucht Sicherheit - wurde wieder allzu deutlich und ist keineswegs nur auf uns reduziert. Jede Störung der fragilen touristischen Gleichgewichte, etwa wie heute in Thailand oder Teilen Afrikas, kürzlich am Great Barrier Reef oder der drohenden Ölpest vor den Küsten der USA kann dramatische Verluste nach sich ziehen. Es kann nur einen vernünftigen Weg geben und der heißt Vorsorge und Risikominimierung, nur kann diese eben nicht die Hotellerie, sondern nur die Politik leisten. Wir dürfen gespannt sein, ob dem nächsten Ausbruch eines europäischen Vulkans ein höheres Maß an Handlungsfähigkeit und Handlungswillen der Regierungen gegenüber steht und somit die Auswirkungen auf die Hotellerie und den Reiseverkehr insgesamt weniger dramatisch sind.


Datum: 10.05.2010 13:57:18 Uhr
Name: Markus Luthe
Kommentar:

Unser europäischer Dachverband HOTREC hat heute das Ergebnis einer Umfrage unter seinen Mitgliedsverbänden zu den Auswirkungen der Flugausfälle in Folge der Aschewolke von Mitte April veröffentlicht:

"Consequences for the hospitality industry of the volcanic ash cloud of mid-April 2010

HOTREC carried out a survey among its members on the consequences for the hospitality industry of the closure of the European airspace mid-April 2010, caused by the volcanic activities in Iceland. HOTREC Member Associations are sharing the view that the hospitality industry suffered substantially.

The countries, where some figures are already available, reported losses in occupancy and revenue of between 10% and 40%, with some hotels showing an even much higher decline. The first estimations show that the hotel industry had to face losses of hundreds of millions of euros, which will never be recuperated. In Prague, the loss was estimated at € 12 million for accommodation only. In Greece, cancellations and no-shows caused a total loss of approximately € 20 million to the hotel industry. The estimation is even higher in Italy: € 180 million.

A large number of conferences and seminars had to be cancelled, making business hotels loosing above average. For example, the annual Ireland Tourism Marketing workshops, which involve over 300 foreign buyers coming to Dublin and Belfast to meet with Irish product providers and negotiate contracts for the 2011 season, had to be postponed. Only a few countries reported about some very limited benefits for certain segments of the hotel market (i.e. airport hotels and city hotels), which accommodated stranded travellers for some extra nights.

However, finally the losses by far outweighed this benefit, due to the cancellations and no-shows of the non-arriving new guests. In Italy, for example, the hotel industry had to face approximately 1,8 million cancellations in 4 days. Hoteliers were very flexible when it came to dealing with cancellations.

In general, no cancellation fees were applied. Most hoteliers across Europe are of the opinion that strong marketing activities, with possibly the help of public authorities, will be needed in order to attract guests back and recover from the losses.

According to the HOTREC Member Associations, some governments (e.g. Italy, France, Czech Republic) are considering asking the EU Institutions for help for the tourism industry."


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